Öffne Deine Hand
Die Armen werden niemals ganz aus deinem Land verschwinden. Darum mache ich dir zur Pflicht: Du sollst deinem Not leidenden und armen Bruder, der in deinem Land lebt, deine Hand öffnen.
(5. Mose 15,11)Ein politischer, ein brisanter Monatsspruch. Es lohnt sich, ihn abschnittsweise zu bedenken. „Die Armen werden niemals ganz aus deinem Land verschwinden“: Dieser Satz kann uns skeptisch machen gegen alle vollmundigen Versprechungen von Vollbeschäftigung und „blühenden Landschaften“ und lässt uns sensibel bleiben für alle, die bei einem zukünftigen Aufschwung nicht mitkommen. Er mahnt uns, dass Sozialpolitik mit einer gerechten Verteilung für alle immer notwendig bleibt.
„Darum mache ich dir zur Pflicht“: Weil es nur noch wenige wissen, sei an Artikel 14 des Grundgesetzes, Absatz 2 erinnert: „ Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Soziale Hilfen sind ein Anrecht, keine großzügig und gnädig gewährte Wohlfahrt, die immer wieder – je nach Kassenlage – infrage gestellt werden kann. Darauf sei besonders hingewiesen vor dem Hintergrund, dass in Deutschland zehn Prozent der Bevölkerung zwei Drittel des Vermögens besitzen. „Du sollst deinem Not leidenden und armen Bruder, der in deinem Land lebt“: Hier ist nicht von Nation, nicht von Staatsbürgerschaft die Rede, sondern von allen, die bei uns leben. Und ich glaube, es ist legitim, dies auf die auszuweiten, die „an unsere Tür klopfen“. „Deine Hand öffnen“. Für mich der entscheidende Satz. Denn er stellt die Perspektive auf den Kopf. In der Regel sehen wir in diesem Kontext die offene Hand bei dem Bedürftigen, der uns mit dieser Geste um eine Gabe bittet, die wir dann mehr oder weniger großzügig gewähren. Doch jetzt geht es um unsere Hand, die wir öffnen sollen. Wir sollen loslassen, was wir sonst gerne festhalten möchten. Aus unserer offenen Hand nimmt der Bedürftige, das was er meint, was er braucht. Nicht wir gewähren, sondern er entscheidet. Wir legen uns in seine Hand. Eine Zumutung, die uns Gott zutraut. Liebe, die im wahrsten Sinn des Wortes greifbar wird.
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