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Geschrieben von: Gastautor   
Mittwoch, den 20. April 2011 um 00:00 Uhr

Der Isenheimer Altar

und der Zeigefinger Johannes des Täufers

Er zählt gewiss zu den bedeutendsten deutschen Altären und gilt nach der Meinung vieler Theologen als ein Werk mit eminent evangelischem Bildprogramm.

Isenheimer Altar - Kreuzigung

Karl Barth etwa rühmte den Isenheimer Altar in einem Vortrag von 1920 und Paul Tillich nannte ihn das bedeutendste deutsche Gemälde, das je gemalt wurde – und zudem protestantischen Geist atme.

Gleichwohl: Der heute im französischen Colmar stehende, 1516 von Matthias Grünewald für das Isenheimer Antoniterkloster gefertigte Altar entstand kurz vor der Reformation und variiert eine katholische Bildaussage: Gemäß der spätmittelalterlichen Kreuzesmeditation fordert er zum Mitleiden mit dem Gekreuzigten auf. Die fast zehn Quadratmeter große Kreuzigungsszene im Mittelteil des Altars rückt das Leiden des sterbenden Christus monumental, detailreich und ungeschminkt ins Bild. Der überlange Finger des Johannes zeigt auf das Kreuz und ruft Betrachtende in die Nachfolge des leidensbereiten Christus. Der Schmerz, den dieser Tod auslöst, ist in den Gesichtern und Gesten der Maria Magdalena und der Mutter Jesu abzulesen. Christus wird zum Vorbild für Demut und Hingabe der Christen.

Und dennoch: Die Handbewegung des auf den Gekreuzigten verweisenden Täufers entspricht dem evangelischen Glaubensverständnis, das sich allein auf diesen gekreuzigten Christus konzentriert. Luther schrieb im Jahr der Fertigstellung des Isenheimer Altars 1516 an seinen Memminger Freund Georg Spenlein: „Darum, mein lieber Bruder, lerne Christus, und zwar den Gekreuzigten; lerne ihm singen und in der Verzweiflung an dir selbst zu ihm sagen: Du, Herr Jesus, bist meine Gerechtigkeit, ich aber bin deine Sünde."

Diese gänzliche Ausrichtung auf Christus wird zur Mitte der reformatorischen Botschaft: Allein der Glaube, allein Christus: Kaum irgendwo ist die evangelische Urgeste so klar zum Ausdruck gebracht wie mit dem Zeigefinger des Täufers auf dem Isenheimer Altar; der Glaube, der dieser Handbewegung folgt, wird zur evangelischen Konfession, auch wenn jene rein katholischem Milieu entstammt. Dass die Konzentration auf Christus ganz offenbar nahtlos in beide Kontexte passt, ist wohl ein echter ökumenischer Fingerzeig.


 
Ich kann verstehen, dass ein Mensch zum Atheisten wird, wenn er auf die Erde hinunterschaut, aber wie jemand den Blick zum Himmel emporrichten und sagen kann, es gebe keinen Gott, ist mir unbegreiflich. (Abraham Lincoln)
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